Die Auswertung des Kunstexperiments artcoins

Der am häufigsten verkaufte artcoin war die

Nr. 35 „Der große Wurf“ (Öl auf Leinwand) von GabrielA Schenke aus Berlin.

Da weder Namen, noch Lebensläufe oder Auszeichnungen der Künstler bekannt waren und der fehlende Titel der Werke auch den kleinsten Hinweis auf die dahinterstehende Idee verweigerte, blieb vielen Betrachtern als Ausweg nur die Beurteilung der Virtuosität des Farbauftrags. Dies ist wahrscheinlich mit ein Grund, weswegen ein artcoin, der in Trompe-l'œil Technik (frz. „täusche das Auge“) gemalt wurde, die besten Bewertungen bekam und am häufigsten verkauft wurde.

 

Nr. 39 „lavaflow“ (Öl auf Leinwand) von Clive Lutley und

Nr. 167 „Boot“ (Fotografie) von Eberhard Vogler belegen die Plätze zwei und drei.

Mit etwas Abstand folgten dahinter:

Nr. 10 "Meermittag"

Nr. 16 "salve"

Nr. 59 "Avanico"

Nr. 75 "circle of trust"

Nr. 81 "Madame"

Nr. 91 "nr. 21"

Nr. 97 "Die Hölle in Dir"

Nr. 113 "Sehnsucht nach Rot"

Nr. 117 "o.T."

All diese vielfach verkauften artcoins gehören der Kategorie Malerei an (als Ausnahme befindet sich darunter ein Holzschnitt und eine Tintenzeichnung). Wie in der Kunstszene bekannt und in wissenschaftlichen Publikationen umfangreich bestätigt sind 80 % der am Kunstmarkt verkauften Werke der Technik Malerei zuzuordnen. Auch hier, wie in allen anderen Punkten, belegte das artcoin Experiment die Gesetzmäßigkeiten des weltweiten Kunstmarkts. Es bestätigte die Annahme, dass durch die Betrachtung eines Kunstwerkes nicht festgestellt werden kann von welcher Qualität es ist. Die Qualität kann sich durch die Präsentation eines Werkes ändern, durch verstreichende Zeit, durch starke Werbung und durch eine andere Urheberschaft als ursprünglich angenommen (bei Kunstfälschungen zu beobachten). Die Qualität von Kunst wird durch Experten festgelegt, die sich nicht am Kunstwerk, sondern an Hintergrundinformationen orientieren.

Kunst ist ein Vertrauensgut. Es zeigte sich, dass unsere anonyme Verkaufsplattform die Käufer oft zur persönlichen Kontaktaufnahme animierte und die Mund zu Mund Propaganda die besten Verkaufsergebnisse erzielte.

Eine amerikanische Studie über das unterschiedliche Kunstkaufverhalten von Männern und Frauen wurde ebenfalls bestätigt: Für Frauen bedeuteten die fehlenden Urheberinformationen wenig Einschränkung. Sie kauften in den meisten Fällen nach Farbe, Geschmack und Aussehen. Männer hingegen interessierten sich mehr für Status und Prestigewert der Kunst. Männer fragten häufiger nach Verkaufszahlen, Spitzenreitern und wollten auf Wertsteigerungen spekulierten. Das Ansteigen der artcoin Preise beeinflusste Käufer deutlich in ihrer Wahl, womit auch der Veblen-Effekt demonstriert wurde.


Die Ergebnisse unseres Experiments im Detail, mit Fallbeispielen und Vergleichen zum internationalen Kunstmarkt und Verhaltenstipps für aufstrebende Künstler, haben einen Umfang angenommen, der nahelegt diese in Buchform zu veröffentlichen. Hierzu gibt es bereits ein erstes Manuskript. Dieses bedarf jedoch noch der zeitintensiven Überarbeitung.


Wer sich die Wartezeit durch Lektüre vertreiben will, die ähnliche Erfahrungen beschreibt, sollte das Werk von Honoré de Balsac lesen, welches um das Jahr 1820 das Leben eines aufstrebenden Künstlers in Paris schildert. Mit dem Titel „Verlorene Illusion“ fasst es auf 820 Seiten die Fehleinschätzung des Protagonisten zusammen, künstlerisches Talent wäre im Haifischbecken des Kunstmarkts von Belang.


Doch es lohnt sich trotzdem weiter über die Fragen nachzudenken: Anhand welcher Kriterien kann Kunst beurteilt werden und wer entscheidet was Kunst ist?

In einem Interview in ZEIT Wissen Mai 2017 sagte Christine Mann (Tochter des berühmten Physiker Werner Heisenberg): „Wir sind nicht die unbeteiligten Beobachter, die die objektive Wirklichkeit erkennen, sondern unser Denken, unsere Fragestellung verändert die Realität.“